** – Schneeweiß und Russenrot von Dorota Maslowska

Neue Zürcher Zeitung
Die Sprache der Jugend Dorota Maslowskas Roman «Schneeweiss und Russenrot» «Diesen Umschlag hat sie nicht verdient», denkt man im Nachhinein. Was der deutschsprachige Verlag, im Gegensatz zum Original, zum ästhetisch durchdachten polnischen Exemplar, da angerichtet hat, soll das sattsam bekannte Paar Schlampigkeit und Coolness befestigen: Ein vom Fotografen absichtlich angeschnittenes Mädchen sitzt auf einem Sofa, den Grossteil des Bildes macht eine holzgetäfelte Wand aus. Vermutlich soll Lounge-Atmosphäre suggeriert werden, Lässigkeit, Poptauglichkeit; es wirkt aber nur gewollt. Der Verlag tut Unrecht. Dorota Maslowskas Roman «Schneeweiss und Russenrot» ist mehr. Er ist für eine griffige Zuordnung, ein modisches Label nicht zu haben. Obwohl sich vorschnell eine Meinung aufdrängt. So war, um das Spektakuläre gleich zu erwähnen, Maslowska achtzehn Jahre alt, als sie dieses Buch schrieb. In Polen gewann sie dafür zwei der wichtigen Buchpreise und ist dort sogleich in die Liga der Etablierten gehoben worden. Schnell und farbenkräftig Keiner der etablierten Schriftsteller indes hätte dieses Buch schreiben können, denn ihnen fehlt das, was es ausmacht, die Sprache. Es ist die Sprache der Jugend, ihr Slang. Schnell, stark verkürzend, farbenkräftig, berstend von Eigenheiten. Man sagt in Polen, dies sei die Sprache der blokersi, der Bewohner von Plattenbauten (polnisch: bloki), oft arbeitslos, meist in Trainingsanzügen steckend, mit keinerlei Hoffnung ausgestattet und für einen Gesetzesverstoss aus Langeweile zu haben. Doch ist dies nicht das Milieu, das hier geschildert wird. Es sind einige Stunden aus dem Leben von Andrzej. Er erzählt. Wir lernen ihn kennen, als ihn die Freundin verlässt. Er stolpert durch die Landschaft einer nicht näher definierten Stadt, von einem Mädchen zum anderen, von Drogen benommen, eingekeilt im Liebesschmerz. Seine Odyssee könnte heute spielen oder morgen. Sie ist bestimmt von einem Assoziationenfluss, dazwischen Dialoge. Was gänzlich fehlt, sind breiter angelegte Beschreibungen. Die Menschen werden vorwiegend anhand der Sprache festgemacht, trotz Kommunikationsdrang aber der Isolation, dem Egozentrismus vielleicht, überlassen sowie wirren, aus dem Westen importierten Ideen sowie Trieben. Einflüsse sind rasch ausgemacht, die Filme «Being John Malkovich» und «Trainspotting», aber auch Kafka, Gombrowicz, Gaddis. Aktuelle Bezüge sind da, doch nie so aufdringlich gestaltet, dass sie die Lektüre in der Zukunft schmälern könnten. Das Leitmotiv aber heisst: polnisch-russischer Krieg. Dieses Stichwort, das ein Phantom bezeichnet, zielt auf den Polen als Patrioten. Der jüngere Leser wird damit nicht mehr viel anzufangen wissen. Immerhin wird, wer die alte, geschichtlich fundierte Phobie der Polen gegenüber den Russen kennt, aufhorchen. Zwischen Humor und Tragik Was Maslowska vom Gros der Popliteraten trennt, ist ihr Talent, die Konfusion der Jugend und mit ihr Zivilisationskritik sprachlich souverän zu meistern, ohne sich für Coolness herzugeben. Der Text schwankt geschickt zwischen Geschwätzigkeit und Lakonie, Überhöhung und extremer Verkürzung, lyrischen Ansätzen und Obszönität, zwischen Alltag und hehrem Gedanken, Humor und Tragik. Tragik deshalb, weil die umfassende Redseligkeit die grosse Leere notdürftig kaschiert. Schützende Systeme fehlen, wir sind am Ende der Welt angelangt. So sagt Andrzej: «Gleich reiss ich das Kabel aus der ganzen Welt, gleich reiss ich die Oberleitungen raus, gleich ziehe ich am Griff, die Notbremse.» Und woanders: «Und der Himmel ist wie am Tag der jüngsten Apokalypse, dunkel, ausgebaucht, ich brauchte nur die Hand nach oben auszustrecken und würde alles zerfetzen, die Nähte würden platzen und die ganze Konstruktion auf die Stadt runterrasseln, einschliesslich sämtlicher Filialen.» Bevor alles zu Bruch geht, bestimmt das Chaos den Tag. Und Dorota Maslowska verdichtet es unentwegt, indem sie abstrakte Elemente hinzufügt oder indem sie die Figur der Dorota Maslowska einführt. Diese hat offenbar die Kontrolle übers Geschehen, obwohl sie offiziell beim Kommissariat Aussagen von Delinquenten aufnimmt und sich ihrem Chef mit Kaffee und womöglich mehr andient. Nun: An dieser Stelle wird der Autorin die Alles-geht-Attitüde zum Verhängnis. Der Verweis auf die Künstlichkeit des Gesagten bleibt ohne Folgen. – Die Figuren sind festgeschrieben, die Welt ist beendet. Erlösung, gibt es die? Jedenfalls werden wir Zeuge von Poesie. Ein Trost, aber ohne Gewähr. Adam Olschewski

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