**** – Landnahme von Christpoh Hein

Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 24.01.2004
Christoph Heins neuer Roman hat für Ina Hartwig eindeutig das Zeug zum „Klassiker“, und das gleich aus mehreren Gründen: „Er liegt thematisch im Trend, ist formal so perfekt wie ein goldener Schnitt, und vor allem streift er die Dimension einer griechischen Tragödie“. Denn mit der Geschichte um den Flüchtlingssohn Bernhard Haber erzähle Hein die Geschichte eines „Racheverzichts“ (Bernhards Vater wird erhängt aufgefunden), der die soziale „Integration“ der schlesischen Flüchtlinge in ihr neues Umfeld erst ermöglicht habe. Haber selbst kommt in seiner eigenen Geschichte nicht zu Wort: Fünf andere Figuren lassen ihn in ihren Erzählungen entstehen. Bemerkenswert findet die Rezensentin, dass es Hein gelingt, gleichzeitig ein „Psychogramm einer zunächst noch diffusen, dann sich verhärtenden, schließlich überwundenen DDR“ und ein „Spektrum von Charakteren im La Bruyere’schen Sinne“ zu zeichnen. Und indem Hein diese beiden „Sphären“ ständig miteinander verwebe, vermeide er glücklicherweise „einfache Kausalbeziehungen“, etwa zwischen “ Herkunft und Werdegang“. Zwar stört sich die Rezensentin ein wenig an der zwangsläufigen Begrenzung der Rollenprosa, die der Komplexität des „zeitgeschichtlichen Kontextes“ nicht ganz gerecht werden kann, weil sie sich strikt innerhalb des Figurenhorizonts bewegt, doch schmälert dies nicht den Stellenwert dieses Romans, der zur „Differenzierung“ in der Diskussion um das Leid der deutschen Vertriebenen beiträgt.

Kritik von mir: Fünf Personen erzählen über ihre Zeit mit Bernhard Haber und erzählen über diese Person etwas zur Geschichte des Landes, in dem sie gelebt haben, der DDR. Bernhard Haber kommt selbst nicht zu Wort und so erscheint er mal je nach Person, die erzählt symatischer mal unsymatischer. Er kommt als Kind und Umsiedler in einen kleinen Ort, in der jeder jeden kennt. Er ist in der Schule eher schlecht (muss zwei Klassen wieder holen) und klein, schweigsam, dafür sehr stark – er ihn angeht bekommt seine Fäuste zu spüren. Die Personen, die Bernhard Haber kennen erzählen aus ihrer Perspektive, sie charakterisieren ihn als einen Teil wieder rum ihrer Geschichte und sie kannten ihn mal mehr mal weniger gut. So wird vom ungebildeten und groben Umsiedler berichtet, später wird er zum Agitator wenn es um die Enteignung der Bauern geht, vom spießigen Familienmensch, vom Fluchthelfer bis er schließlich ein angesehener Bürger der Stadt mit großer eigener Tischlerei ist.

Das spannende dabei ist die Geschichte der Erzähler selbst, und teilweise taucht Bernhard Haber nur am Rande auf und gar zur gern hätte man gewusst, wie es mit den Erzählern weitergeht. Aber es geht um die Geschichte eines Landes und die von Bernhard Haber. Ich hatte schon einmal geschrieben, dass ich Christpoh Heins Romane liebe und seine Sprache. Mit einfachen Worten drückt er aus wofür andere 1000 Seiten und mehr brauchen.  So ist es auch hier und einmal festgelesen hat mich doch dieses Buch nicht mehr losgelassen, obwohl eigentlich so wenig passiert.

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  1. Samstag, 17. Oktober 2009 um 3:24

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