*** – Jahrhundertsommer von Kerstin Duken

Aus der Amazon.de-Redaktion
Manchmal können wenige Minuten ein ganzes Leben verändern. So ergeht es Iris, einer jungen, erfolgreichen Werbetexterin, die in Berlin lebt. Eines Nachts wird sie von einer flüchtigen Kneipenbekanntschaft in einem dunklen Kreuzberger Hinterhof überwältigt, verletzt und beraubt. Dieses Erlebnis, das sie aus Scham nicht anzeigt und von dem sie niemandem erzählt, wirft sie völlig aus der Bahn. Autorin Kerstin Duken, selber freie Werbetexterin in Berlin, beschreibt hautnah den haltlosen Sog, in den die traumatisierte Iris gerät. Als Leser gerät man beinah mit hinein in Iris‘ Strudel angsterfüllter Gedanken und Gefühle. Erst langsam findet sie wieder Zugang zu sich selbst und anderen Menschen. Mit diesem Romandebüt, das über weite Teile als brillant geschliffener Gedankenmonolog daherkommt, überzeugte Duken die hochkarätige Jury des Brigitte-Romanpreises auf Anhieb.

Iris lässt nach dem Überfall ihren viel versprechenden Job sausen und vergräbt sich in ihrer Wohnung, schon das Klingeln des Telefons verursacht Panikattacken. Erst nach und nach wagt sie unter Zuhilfenahme beträchtlicher Mengen Alkohols wieder vorsichtige Schritte in die Außenwelt, zumeist, um einen Gefährten – oder eine Gefährtin – für eine Nacht zu suchen. Wenn ihre innere Spannung zu groß wird, schneidet sich Iris mit dem Cutter in Arme und Oberkörper. Erst mit der Zeit gelingt es ihr, ein wenig mehr Stabilität und Bindung in ihrem Leben zuzulassen.

Die atemlose Odyssee der verzweifelten Heldin quer durch die angesagtesten Orte Berlins ist kein leichter Lesestoff, aber durchaus faszinierend. So dicht dran ist man am Geschehen, dass es manchmal schon fast die Schmerzgrenze überschreitet. Die umfassende Leere, die Iris umgibt, die Distanz zwischen ihr und allem anderen, scheinen geradezu physisch präsent, ebenso wie ihre blutigen Selbstverletzungen. Bei alledem betrachtet die Protagonistin ihre Umwelt mit scharfen Augen und wachem Verstand, und lässt uns an ihren immer schonungslosen, mitunter auch witzigen Gedankengängen teilhaben. So zum Beispiel als sie versucht, ihren Bekannten und sich selbst jeweils eine herausragende Eigenschaft zuzuordnen: „Was war mein USP (Unique Selling Point, Anm. d. Verf.)? Früher sicher mal meine Klarheit, heute eher meine Unauffälligkeit. Das war vielleicht ein guter USP für ein Hörgerät, aber nicht für einen Menschen. Das ließ sich auf lange Sicht nicht vermarkten. Ich musste mich ändern“.

Dass diese Änderung Iris schließlich gelingt, stimmt gegen Ende verhalten optimistisch. Bleibt zu hoffen, dass nicht all zu viel schmerzhaft eigene Erfahrung in dieser Erzählung steckt – und dass wir mehr zu lesen bekommen von dieser begabten Autorin. — Ulrike Künnecke, Literaturtest

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